Anno dunnemals

Hier werde ich einige Kurzgeschicht(ch)en vorstellen,

Erinnerungen an Erzählungen oder Selbsterlebtes

 


Das "Schlittenauto"

 

Wenn ich an meine Kindheit/Jugend zurückdenke, dann gehört dazu auch das spezielle Wintersportgerät "Schlittenauto", das meines Wissens gerade in meinem Heimatort "Atzehaa" (Atzenhain, inzwischen Ortsteil von Mücke, Oberhessen) geradezu ein Statussymbol war. Wie und wann es zu dieser Konstruktion gekommen war ist mir nicht bekannt, lediglich, dass mein Vater auch eines hatte, das nicht so stabil war, wie er es sich vorgestellt hatte und er mir etwas besseres bescheren wollte. Das Gerät, das er mir baute, war etwas besseres - aus festem Holz gefertigt, praktisch "unkaputtbar", habe ich oft die Kumpels beneidet, die ihre Schlitten locker den Berg hochzogen, während ich mich mit meinem schwergewichtigen hinterherschnaufte. Runter ging es schneller, da war des Gewicht schon etwas wert. Und spätestens, wenn wieder zwei, drei andere mit gebrochenen Seitenbrettern am vorderen oder hinteren Kastenschlitten zum Schreiner ziehen mussten, war ich dankbar, dass mir dieser Weg erspart blieb.
Solch ein Schlittenauto bestand aus zwei mehr oder weniger stabil gebauten Kastenschlitten, wie er hier einer aus Oberkleen zu sehen ist ►

auf den hinteren Kasten wurde - hinten bündig - ein Brett geschraubtdas bis zu fast zwei Meter nach vorne überstand und wo der vordere Kastenschlitten drehbar befestigt wurde. Der Fahrer saß auf dem Brett, hatte die Hacken in der Öffnung des Kastens und lenkte damit dieses Gefährt, die "Passagiere", bevorzugt Mädchen, saßen dahinter, das alles wurde von einem Kumpel angeschoben, der dann aufsprang - und es ging bergab. Im Grunde genommen war es eine sehr vereinfachte Form eines (Ski-)Bob. Im freien Feld wurden "Handicaps" eingebaut, im Dorf waren die Straßen und der Verkehr das Handicap, aber entweder ein Kumpel wurde abgestellt, der mir Armefuchteln warnte, wenn ein Fahrzeug kam, oder ein freundlicher Nachbar, der seinen Spaß an der wilden Meute hatte übernahm die Absicherung. Eine Herausforderung war die Abfahrt "in der Hohle", da ging es steil runter, dann kam eine Rechtskurve, begrenzt von einem Maschendrahtzaun, der aber erst auf einem ca. 40 Zentimeter hohen Mäuerchen begann. Wenn wenig Schnee lag wurde diese Kurve zum "Seitenbretterkiller" - und wer auf den letzten Metern davor "Schiss" bekam, der fuhr einfach bei "Kasperschweierz" geradeaus auf den Hof. Wenn das mehrmals geschah, wurde der Hof auch schon mal glatt, bevor er mit Asche "stumpf gestreut" wurde. Legendär war die Fahrt eines vollbesetzten Schlittenautos, dessen Fahrer im letzten Moment der Mut verlies, und die trotz Bremsung über den Hof schossen und durch die geöffnete Stalltür über den Entmistungsgang in einen dort lagernden Misthaufen - "Shit happens" …

 


 

 
Gemoie
 
Als mein Opa ein junger Bursche war, war es auf dem kleinen Bauernhof üblich, dass man morgens um Fünf am Frühstückstisch saß, um danach die Stallarbeit, speziell das Melken der Kühe, zu erledigen, auch und gerade am Sonntagmorgen, um rechtzeitig zum Kirchgang fertig zu sein.
Nun ja, auch damals wurde gerne mal gefeiert, auch und gerade, weil die Anlässe dafür rar waren, und "es Wilhelmche" hatte wohl ein wenig lange und ein wenig zu viel getrunken. Bis ihn seine Mutter aus dem Bett und an den Frühstückstisch "komplimentiert" hatte, war es schon ein Viertel nach Fünf.
Als er mit einem verschlafenen »Gemoie« die Küche betrat, kam von einem Vater, ohne dass dieser aufblickte, nur der Satz:
»Brauchst naumie "Gemoie" se saa, de Doag es fast erimm!«
(»Brauchst nicht mehr "Guten Morgen" zu sagen, der Tag ist fast herum!«)
Na ja, "zwuu Bruut met Quotschehoink en e Keppche Kaffie" (zwei Brote mit Zwetschgenhonig und eine Tasse "Kaffe") durfte er schnell noch verschlingen, dann ging es in den Stall …

***
Der "Kaffe" dürfte ihn kaum munterer gemacht haben, ich habe auf dem Speicher noch die Röstpfanne gefunden, mit der Gerste und manche undefinirbare sonstige Zutaten zu "Kaffee" geröstet wurden, Das war ein größerer Akt, musste doch für diese Röstpfanne einige Herdringe ausdehängt werden, dass sie passgenau direkt über der Glut hing. Die Hausfrau stand dann dabei und kurbelte so lange, bis der Inhalt - in manchen Fällen sogar echter Kaffee - den richtigen Röstgrad erreicht hatte …
 
 

 
 
Und Samstag wurde gebadet
 
 
Ja, diese alten Herde hatten was …

Das warme Wasser war im sogenannten "Schiff" und wurde zu allem möglichen genommen, ich habe als Kind noch in der Zinkwanne gesessen, die mit heißem Wasser aus diesem "Schiff" und drei "Kroppe" (voluminösen Töpfen) zum Bad am Samstagabend verwendet wurde!
Ich habe das nicht mitbekommen, ob und wer nach uns Kindern noch dort badete, aber man kennt ja den Spruch:

»Der muss das ausbaden!«

Das war wohl früher so, dass in der Waschküche der Kessel angeworfen wurde, um genug heißes Wasser zu erzeugen zum Füllen einer großen Wanne, in dem dann die gaze Familie, mit dem Oberhaupt beginnend, badete, und eventuelle Knechte und/oder Mägde am Ende das "ausbadeteten", was schon an Schmutz vorhanden war, um dann noch alles wieder "in Schuss" zu bringen …
 

 

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