Der Junge mit dem Fliederstrauß


Der Junge mit dem Fliederstrauß

eine biografische Abfolge meiner Kindheit zwischen Währungsreform und Wirtschaftswunder im kleinen Bauerndorf Atzenhain am Rande des Vogelsberges

 

Der Junge mit dem Fliederstrauß
sitzt lächelnd dort im Garten.
Die Großen auf dem Weg zum Haus,
die müssen warten, warten, warten.
Sie tun es mit sehr viel Geduld,
wer ist an dem Schlamassel schuld?

 

Ich weiß nicht, ob und wann ich die Zeit habe, hier weiterzuschreiben, aber das, was schon vorhanden ist, sollte allen zugänglich sein ► 

 


 

Der Junge mit dem Fliederstrauß

 

Wie ich zu meinen Paten kam

Ich wurde im Februar 1948 in dem kleinen oberhessischen Dorf Atzenhaingeboren. Dass es mich überhaupt gibt, habe ich genaugenommen einem größenwahnsinnigen österreichischen Gefreiten namens Adolf Hitler zu verdanken.

Warum?

Hätte dieser GröFaZ ( ich weiß, das Kürzel hört sich wie eine Vera…che an, war aber seine selbst gestaltete Abkürzung für ► Größter Feldherr aller Zeiten ◄ ein Gefreiter und noch dazu aus Österreich, tz tz ) nicht diesen unseligen Krieg angefangen, hätte die Familie meiner Mutter nicht aus Schlesien flüchten müssen und meine Mutter hätte nie meinen Vater kennengelernt. Ergo, ohne Hitler und ohne Krieg keinen Harald, meine Dankbarkeit darüber hält sich aber durchaus in Grenzen!

Nun, einige andere Zufälle – man kann es wahlweise auch Schicksal oder Vorsehung nennen - haben auch noch hineingespielt. So hatte mein Vater seine langjährige, von den jeweiligen Elternpaaren forcierte Liäson mit einer Dorfschönheit im Krieg beendet, um eine etwas feurigere junge Dame aus einem besetzten Gebiet mit nach Hause zu bringen, was im aber unter Androhung der Enterbung untersagt worden war. Dass die gleiche Drohung später nicht mehr genutzt hat, da hat mein späterer Patenonkel eine entscheidende Rolle gespielt.

Ja, und dass meine Mutter schlussendlich in genau diesem Dorf landete (und später auch der Rest der Familie) war auch eine Aneinanderkettung von Zufällen. Zum Kriegsende war sie in Österreich als Flakhelferin im BDM (wer’s nicht weiß, das bedeutete "Bund deutscher Mädchen", wurde aber, da viele dieser Mädchen ihren ganzen Ehrgeiz darin sahen, dem "Führer" so früh wie möglich so viele Kinder wie möglich zu schenken, scherzhaft Bund deutscher Milchkühe genannt) tätig. Nach dem Waffenstillstand blieb sie ein Jahr dort in einer Familie, die sie aufgenommen hatte und gerne dabehalten hätte. Aber alle Deutschstämmigen mussten raus, es ging mit dem Zug nach Alsfeld in Hessen und nur weil dort ein unlustiger Beamter den Zielort verwechselte landete sie in Atzenhain statt in Altenhain.

Da ihr Vater (mein Opa August) schon lange vor Kriegsende eine Reihe von Kontaktadressen angegeben hatte, an die sich alle Familienmitglieder wenden sollten im Falle, dass sie an einer Stelle landeten die relative Sicherheit versprach, war er schon bei der Hochzeit meiner Eltern da, Oma Martha und Tante Else kamen erst nach meiner Geburt an.

Bis es dazu kam musste als erstes meine Mutter Unterkunft und  Arbeitsstelle bekommen, und das war bei einer Bauernfamilie im Ort als Magd.

Ironie des Schicksals: Das in der Hitlerzeit übliche Landjahr auf einem Bauernhof hatte sie durch Beziehungen ihres Großvaters, einem so genannten Schaffer (Aufseher) auf einem Gut, als Bedienung im Schloss verbracht und nun landete sie auf einem Bauernhof, nämlich dem meines späteren Paten Heinrich Katz (Petter Heini). Dort lernte sie Melken und andere damals übliche Arbeiten rund um die Landwirtschaft, die im Allgemeinen von Frauen bewältigt wurden.

Zur ersten Nachkriegskirchweih (Kirmes) hat es dann gefunkt, mein Vater hatte sich genau sie als Frau in den Kopf gesetzt und konnte das auch gegen seinen Eltern durchsetzen, da mein späterer Patenonkel als Fürsprecher auftrat, die Arbeitswilligkeit und schnelle Auffassungsgabe meiner Mutter sehr lobte und gleichzeitig die Patenschaft für den zuerst geborenen Jungen anbot. Dass damit einer der drei Grossbauern im Ort so für diese Verbindung war hat meinen Grosseltern sehr geschmeichelt und damit war alles im Lot.

Somit stand einer Heirat im März 1947 nichts im Wege, organisiert von einer funktionierender Verwandtschaft und guten Nachbarn. Dass das prima klappte war kein Wunder, in der Nachbarschaft wurden gleich fünf Ehen geschlossen, ein Jahr später waren fünf Buben da, (die späteren Eckebuwwe) und zu jeder dieser Hochzeiten gab’s selbstgebrannten Schnaps literweise, Fleisch war dank der in unserem Stall befindlichen so genannten Wiegesau auch nicht knapp und irgendwie war auch jedes Mal genug Butter zur Hochzeits-( Buttercreme)torte vorhanden.

Zum Thema Wiegesau: Wenn ein Bauer eine Sau schlachten wollte wurde die gewogen und dies Gewicht den Zuteilungsmengen angerechnet. Da nun aber ein wachstumsgestörtes Schlachtschwein bei uns im Stall stand wurde diese Sau zu jeder Schlachtung bei einem benachbarten Bauern zur Viehwaage getrieben und anstatt der tatsächlich später geschlachteten Sau gewogen. Laut meinem Opa Wilhelm brauchte man nur den Verschlag zu öffnen und "des Wuzzche" machte sich auf den Weg. Das Differenzgewicht zur tatsächlichen, schwer gemästeten Sau soll durchaus bei mehr als fünfzig Pfund gelegen haben.

Als ich im Februar 1948 zur Welt gekommen war stand Petter Heini schon am dritten Tag auf der Matte und löste sein Versprechen ein indem er offiziell die Patenschaft anbot. Mit der Schwester meines Vaters war dann auch meine leibliche Tante, von mir immer Gote Minna genannt, sofort bereit und da sie kurz darauf heiratete bekam ich also quasi einen zweiten Patenonkel, der aber, da legte Oma Gretchen als Mutter meiner Gote besonderen Wert drauf, von mir als Onkel Robert angesprochen wurde.

Somit gut versorgt mit allem was die Dorfgemeinschaft und die Kirchengemeinde voraussetzt wurde ich evangelisch getauft und kann mich durchaus noch an die zwei mir von meinem Petter zugestandenen Flaschen Bier erinnern die wir anlässlich meiner Konfirmation zusammen leerten. Weitere alkoholische Getränke konnte ich nicht mehr abstauben, funktionierte doch irgendwie das Verwandtennetzwerk und jeglicher weiterer Versuch an alkoholische Getränke zu kommen wurde mit Hinweis auf die schon konsumierte Menge abschlägig beschieden.

Da wir mit drei Jungen im einen Jahr und drei Jungen im nächsten Jahr durch überkreuz gehende Einladungen nie hätten zusammen Konfirmation feiern können, war die meiner Schwester im darauffolgenden Jahr eine willkommene Gelegenheit, alle gleichaltrigen Nachbarskinder zusammenzuhaben und diese wurden zum Nachmittagskaffee eingeladen. Da es schönstes Sommerwetter war, haben wir uns sehr bald mit einer Kiste Bier im schnell organisierten Bollerwagen in Richtung einer von uns schon länger als Treffpunkt genutzten, immer offenen Feldscheune zurückgezogen. Die war mit genügend Strohballen als Sitz und Ruhekissen bestens geeignet zur Vernichtung der Flascheninhalte und zum Austausch tiefschürfender jugendspezifischer Probleme. Dabei haben wir, drei an der Zahl, die wir am Abend noch an der weiteren Feier teilnehmen wollten, uns vornehm zurückgehalten, während die anderen nach diesem Nachmittag schon ihre nötige Bettschwere erreicht hatten.

Aber das gehört in eine andere Zeit. Jetzt sollte und wollte ich erst mal groß werden ( ist mir mit 1,83 Metern auch gut gelungen, sehr zum Leidwesen meiner direkten männlichen Vorfahren die ich um fast Haupteslänge überragte ) und die zu diesem Vorhaben nötige Nahrungsaufnahme soll ich vom ersten Tag an lautstark eingefordert haben. Da der natürliche Quell meiner ersten Nahrung der angeforderten Menge sehr bald nicht mehr genügte bekam ich zuerst durchgesiebten Haferschleim zugefüttert ( Fläschchen ) und dann, sobald es irgend ging, feste Nahrung. Junge Eltern aufgepasst: Gläschenkost wenn auch vielleicht schon auf dem Markt - im Bauerndorf undenkbar. Da es zu jedem Mittagessen sowieso Suppe gab wurden in dieser Kartoffelstücke, Karotten oder Kohlrabistücke mitgekocht, mit der Gabel zerdrückt und mit einem Stich Butter angereichert. Diese zwei Varianten sollen über lange Zeit meine Hauptmahlzeiten gewesen sein, ab und zu durch Spinat ergänzt Im Gegensatz zu vielen meiner Alterskameraden gehören Karotten und auch Spinat durchgängig bis zum heutigen Tag zu meinen Lieblingsspeisen.

Da es in den Bauerndörfern in dieser Zeit nicht üblich war, dass die Paten zum Geburtstag kamen, war es allgemein üblich, im Winter, wenn alle Zeit hatten, zu sogenannten "Gevatternabenden" einzuladen. Diese Regelung macht erst richtig Sinn, wenn man an die Kinderzahl der vorhergehenden Generationen denkt. So hatte man auch bei fünf und mehr Kindern nur einen Abend auszurichten, zu dem alle Paten aller Kinder eingeladen waren. Man selbst ging zu mehreren anderen, natürlich immer mit anderen Besetzungen und alle waren es zufrieden.

Da nach einem Abendessen sich die Frauen zum Stricken und zwecks Erfahrungsaustausch in die "Gute Stube" zurückzogen wurden wir in jungen Jahren dorthin mitgenommen, später war es uns - wie den Männern sowieso - freigestellt, dabeizusitzen und zuzuhören oder in der Küche sich zu den rauchenden, trinkenden Kartenspielern zu gesellen. Manch nicht des Kartenspiels mächtige Männer zogen es sowieso vor, bei den Frauen zu bleiben, wurde doch das vergangene Jahr in durchaus Karnevalsreden ähnlicher Qualität aufs Korn genommen. Da wie gesagt die Zusammensetzung jedesmal anders war hatte man immer genug Gesprächsstoff über grade mal Nichtanwesende und mich beschlich schon eine Ahnung, wie woanders über uns hergezogen wurde. Getoppt wurden solche Abende natürlich durch die Anwesenheit auswärtiger Gäste, bekam man doch so die neuesten Nachrichten aus dem Umland oder gar aus einem der naheliegenden Städte.

Was solche winterlichen Treffen sonst noch alles bewirkten hat so mancher Arzt, Tierarzt, Viehhändler und natürlich die in jedem Dorf vorhandenen kleinen Gemischtwarenläden zu spüren bekommen, denn kleinere Fehler wurden verziehen, große nicht. Ach ja, und wenn an einem solchen Abend dem Alkohol besonders zugesprochen wurde, so konnte es vorkommen, dass uns Mutter oder Oma so gegen zehn Uhr abends Geld in die Hand drückte, dazu zwei leere Schnapsflaschen und wir beim, von uns Onkel Hans genannten, Schnapshändler die Flaschen füllen ließen. Die späte Abendstunde war nie ein Problem, saßen doch um die Zeit immer einige Direktabnehmer in der Küche. Probleme wegen Alkoholgenuss und Fahrtüchtigkeit gab es auch keine, man ging zu Fuß, wichtig waren Taschenlampen (ganz früher wurde den Gästen auch noch heimgeleuchtet) und auswärtige Gäste blieben im Haus oder bei Nachbarn über Nacht

Apropos Paten: Irgendwie hatte ich sozusagen patente Paten!
Das muss einmal gesagt werden!

 

Ich bin eingesperrt!
 

Ich bin eingesperrt!
Was soll ich davon halten?
Keiner hat mir das erklärt,
weder Eltern noch die Alten.
Doch ich will mich frei entfalten,
schieb das Ställchen durch den Raum,
bin von nichts hier abzuhalten,
weder Schrank noch Weihnachtsbaum


Im bäuerlichen Anwesen war alles so eingerichtet, dass verschiedene Tätigkeiten nebeneinander herlaufen konnten, man koordinierte z.B. Füttern, Melken und Ausmisten der Tiere. Dazu war es nötig, mit verschiedenen Leuten zu gleicher Zeit tätig zu sein. Fielen jetzt aber Arbeiten an, die aus diesem festgelegten Abläufen jemanden abzogen, so musste jemand anderes einspringen.

So kam es zwangsläufig zu der Situation, dass meine Oma, die normalerweise in der Küche war und mich eigentlich immer im Auge behalten konnte kurzfristig ganz aus der Küche verschwand. Ich muss wohl ein sehr neugieriges Kind gewesen sein, denn kaum in der Lage, mich krabbelnd fortzubewegen war ich bei ihrer Rückkehr sonstwo zu finden, nur nicht auf meiner Decke. Es blieb also nichts anderes übrig, man deponierte mich im Laufställchen.

Ja, Laufställchen nannte man die damals sehr einfache Konstruktion aus zusammenklappbaren Holzgittern, die aufgeklappt und mit Riegeln versteift eine Fläche von circa Einmeterzwanzig mal Einmeterzwanzig sagen wir mal begrenzten. Mit einer Decke ausgelegt, zwei drei Kissen und einige Holzklötzchen dazu, zum Stapeln und Kauen gedacht, später aber als Wurfgeschosse verwendet. Da wird der Kleine wohl Ruhe geben - dachte man.

Womit niemand gerechnet hatte war mein von Anfang an ungeheuerer Entdeckungsdrang. Die Bereitschaft, alles Neue sofort und gründlichst zu erforschen war mir im wahrsten Sinne des Wortes schon in die Wiege gelegt worden. Nachdem ich in der Anfangszeit als kaum krabbelndes Baby eher zufällig gegen das Gitter gerollt war und das Ställchen damit verschoben hatte begann schon bald die Phase des Hochziehens und der ersten Schritte.

Nun gut, normalerweise standen Kleinkinder, mit beiden Fäusten festgeklammert an den Gitterstäben und zogen quengelnd sich mal nach rechts oder links, dabei kleine, tapsige Schritte vollführend, daher der Name Laufstall. Ich soll mich, späteren Erzählungen zufolge, auch am Gitter hochgezogen haben, um von Anfang an mit begeistertem Gesichtsausdruck am Gitter gerüttelt zu haben. Jetzt kommt Physik ins Spiel: Da ich auf der Einlegedecke stand, konnte sich das Gitter nur von mir weg bewegen, die Gegenseite der Decke, da von keinem Gewicht beschwert, rollte sich leicht auf, nach mehreren Ruckelbewegungen war die Decke soweit verschoben, dass die Füßchen Halt auf dem Küchenboden bekamen. Jetzt nur noch ein kräftiges Gegenlehnen gegen das Gitter, das Ställchen rutschte los, um nicht auf die Schnauze zu fallen ein paar Schritte hinterher und schon die kindliche Erkenntnis: Ich kann ja da hin wo ich hin will!

Nach der neuen, von mir kreierten Gebrauchsanweisung des Laufstalles – denn erst jetzt machte er seinem Namen alle Ehre – waren meinen Erkundungsgängen nur noch natürliche Grenzen in Form von Wänden oder Möbelstücken gesetzt. Besonders schnell soll ich damit am Tisch gewesen sein wenn das Essen aufgetragen war, dabei freundlich aber unmissverständlich meinen Anteil einfordernd. Ich soll, so meine Mutter, mit ständigem " Ham ham ham " ihr genau auf die Finger geschaut haben wie sie Kartoffel und Gemüsestücke aus der Suppe fischte und zu Brei zerdrückte, mit Butter anreicherte und erst in dem Moment laut geworden sein, wenn nach ihrem Probieren, weil offensichtlich noch zu warm, nicht sofort der Brei in meinem Mund landete.

Nachdem ich das Laufställchen, dem letzten die Küche verlassenden Erwachsenen folgend, so gegen die nach innen zu öffnende Tür rangiert hatte, dass diese nur mit Mühe zu öffnen war wurde die Konstruktion wieder zusammengeklappt zur späteren Verwendung. Meine um zwei Jahre jüngere Schwester hat dann auch, deutlich ruhiger, erheblich länger als ich darin zugebracht. Mit einer der Hauptgründe war wohl auch, die kleine Schwester vor den etwas ruppigen Spielen ihres älteren Bruders zu schützen.

Welch seltsame Blüten es trieb, die Kinder ständig in der Nähe und halbwegs unter Aufsicht zu habe, während man selbst anstehende Arbeiten verrichtete, habe ich bei meiner drei Jahre jüngeren Cousine mitbekommen.

Dazu muss ich etwas ausholen. Man legte sehr viel Wert darauf, dass die Kinder früh sauber waren. Zu diesem Zweck wurden sie auf das Töpfchen gesetzt und erst nach vollbrachtem " Geschäft " wieder erlöst. Da aber nach der Meldung " bin fertig " nicht immer gleich jemand da war, mussten sie so lange warten bis man Zeit für sie hatte. Meine Cousine muss in dieser Hinsicht sehr geduldig, besser gesagt belastbar gewesen sein, denn wenn irgendwelche Arbeiten anstand ( Heu oder Getreide abladen ), so wurde sie " vorsichtshalber " aufs Töpfchen gesetzt. Mit einer Puppe in der Hand rutschte sie dann zwischen Hof und Scheune hin und her bis die Arbeit erledigt war und man sie erlöste. Das seltsame daran: Außer unserer gemeinsamen Oma Gretchen fand niemand etwas dabei, das war halt so. Punkt.

Zum Punkt Erziehung zur Sauberkeit gab es ein allabendlich wiederkehrendes Ritual, im Sommer bei offenem Fenster die ganze Straße entlang zu hören wenn die diversen Kinder in den einzelnen Häusern abgefragt wurden:

Ein, zwei oder drei Vornamen, " hobt ihr aach noch emol Bach gemoacht?" Ab Lebensalter vier war einem das schon recht peinlich, es soll aber Familien gegeben haben, wo man das noch die schon pubertierenden Kinder abfragte!

Grund für dieses Ritual waren die sanitären Verhältnisse der Bauernhäuser. Als Toilette stand das Verlies namens Plumpskloo, neckisch versteckt hinter einer Tür mit ausgeschnittenem Herzchen, zur Verfügung, entweder in der Stallaußenmauer integriert, bei manchen auch im Stall angebracht, - Vorteil der Stallversion, im Winter war es nicht sprichwörtlich A…..kalt! Als eine besondere Variante sei noch der Holzverschlag über dem Misthaufen erwähnt, im Prinzip ein blickdichter Donnerbalken mit Direktentsorgung.

Man behalf sich in dringenden Fällen mit dem so genannten Nachtgeschirr, das verschämt unter den Ehebetten der Eltern und Grosseltern stand. Die Kinder hatten gefälligst abends, und dann nicht mehr vor Morgengrauen, in dringenden Fällen im Elternschlafzimmer ihre mehr oder minder großen Geschäfte zu erledigen. Punkt. aus. Ende.

In unserer Nachbarschaft wohnte eine alleinstehende alte Frau, "es Kalinche“ genannt, der die morgendliche Entleerung ihres Nachtgeschirres auf dem normalen Weg zu umständlich war, sie öffnete einfach ein Fenster und kippte die Brühe mit Schwung in die Gosse, einem offen verlaufendem Abwassergraben. Da sie am oberen Ende der Gasse wohnte, konnte eigentlich jeder Anwohner „dem Kalinche“ einen regen Stoffwechsel bescheinigen. Wir Kinder sind, speziell im Sommer, wenn alle Fenster geöffnet waren, vorsichtshalber auf der anderen Seite der Gasse am Haus vorbei, es wollte niemand eine Dusche abbekommen.

Aber das alles war noch nicht relevant zu dem Zeitpunkt, als man mir das Ställchen ersparte, zu diesem Zeitpunkt soll ich intensiv daran gearbeitet haben die Windeln trocken zu halten, besser gesagt, mich von ihnen zu befreien. ( Als dann meine Töchter im Windelalter waren hat meine Mutter oft genug gemeint: " Die neuen Windeln sind so schön trocken und praktisch, die Kinder haben gar kein Verlangen, sich von ihnen zu trennen und tragen sie mit fast zwei Jahren noch!“ So unrecht hatte sie da wohl nicht!)

Nun gut, ich hatte trockene Hosen, konnte laufen und einige Barrieren waren abgebaut, jetzt hieß es: " Welt, ich komme! "


Der Junge mit dem Fliederstrauß



Meine Mutter erzählt zu gerne, dass ich als Baby schon ein Wonneproppen war, süß, eigensinnig und rund. Nun ja, süss ist verschwunden, das andere hat sich dafür mehr als verfestigt!

Als ich wieder einmal in Vorbereitung einer Feier in den Fotoalben blätterte, blieb ich an dem Bild hängen, wo ich als gut Zweijähriger in einem Sesselchen aus Rohrgeflecht sitzend mit einem Fliederstrauß ausgestattet in die Kamera grinse ( lächeln würde den Gesichtsausdruck nicht so gut beschreiben ).Die Aufnahme dürfte somit im Sommer 1950 entstanden sein.

Die dazugehörige Geschichte klang im O – Ton meiner Mutter ( Dutzende Male erzählt ) so:

Da wir wie alle unsere Nachbarn auch noch keinen Fotoapparat hatten, war ein Fotograf aus dem Nachbarort bei schönem Wetter unterwegs und bot den Leuten an, diverse Fotos zu machen. Es wurde beschlossen, der Bub wird fotografiert. Ich hab den Bub gewaschen, schön angezogen und gekämmt ( mit einem Klämmerchen wurden die widerborstigen Haare fixiert, wie zu meinem Ärger noch Jahre später, der Verfasser ), in der Zwischenzeit hatte die Oma einen Fliederstrauß zurechtgemacht, der Opa ein Stück im Grasgarten gemäht und freigerecht , mein Mann das Stühlchen im Garten deponiert und der Fotograf die Kamera unter fachkundiger Prüfung von Sonneneinfallswinkel und Ausschluss eventueller Schattenbildung durch Bäume oder Bauten aufgebaut. Das Drama konnte beginnen. Harald wurde ins Sesselchen gesetzt, der Fliederstrauß wurde ihm in die Hand gedrückt, der Fotograf rief „gleich kommt ein Vögelchen “ und in dem Moment stand der Bub auf und wollte dem Mann den Fliederstrauß schenken! Nachdem dies ca. sechsmal passiert war, alle Drohungen und Versprechungen nichts halfen, wurde von Opa ein Kaninchen geholt und in den Garten gesetzt. Durch dieses Tier abgelenkt blieb der Bub solange sitzen, bis der Fotograf gerufen und im gleichen Moment abgedrückt hatte.

Soweit der Bericht meiner Mutter

Irgendwie sieht man die Skepsis im Gesicht des kleinen Jungen, sie ist mir das ganze Leben geblieben, wenn ich seitlich angerufen werde erwarte ich bis heute nichts Gutes, Gott sei Dank in den meisten Fällen unberechtigt.

Auf einem weiteren Bild sind alle Beteiligten am Gartenzaun aufgereiht zu sehen. Das Bild soll sofort im Kasten gewesen sein, ich werde nämlich von meinem Opa Wilhelm festgehalten, der sich ob seiner „ Größe“ von Einmetersechzig nicht bücken musste .

Was ich auch erst später durch die Schwiegertochter des damaligen Fotografen erfahren habe:

Passfotos wurden in der Regel am Sonntagmorgen vor oder nach der Kirche gemacht, die Aufnahmen im Garten waren mit ziemlicher Sicherheit auch eine Sonntagnachmittagsaktion, beides aus dem einfachen Grund - man brauchte sich nicht "fein" zu machen, man war`s ja schon!


Der blaue Mercedes

Es ist nun schon weit mehr als fünf Jahrzehnte her, aber ich weiss es noch wie heute, das Warten, das Kribbeln, die Gewissheit, dass etwas Besonderes bevorsteht, die Sicherheit, dass es mit meinem vierten Geburtstag zusammenhängt, wenn ich die Augen schliesse sehe ich vor mir den alten Bauernhof mit allen Gebäuden, den Aufgang zur Werkstatt, höre den Motor laufen, der über eine Transmission die verschiedenen Werkzeugmaschinen antreibt, die ich aber nie in Betrieb sehen konnte, da ies für einen neugierigen Jungen wie mich zu gefährlich war. ( Eine Transmission war eine fest installierte Anlage, bestehend aus einer zwei bis dreifach gelagerten Welle mit verschiedenen Riemenscheiben, angetrieben über einen Treibriemen vom einzigen Motor auf dem Bauernhof, der je nachdem wo er gebraucht wurde, zum einen die o.g. Transmission oder eine andere in der Scheune, zuständig für Heuaufzug, Schrotmühle, Hächselmaschine, Dickwurzmühle usw., jeweils mit entsprechenden eigenen Treibriemen, eine extrem unfallträchtige Anlage, mich wundert bis heute, dass da nicht mehr Unfälle passiert sind ).

Wie gesagt, es ging auf meinen Geburtstag zu, die Werkstatt war dauerverschlossen, ob leer oder ob Vater und Grossvater drinnen tätig waren. Ich wusste eines sicher: Es herrschte oberste Geheimstufe!

Dann war der grosse Tag da und es hiess sich, wie gewohnt und bei den Grossen und bei meinen Alterskollegen in der Nachbarschaft schon gesehen, bis zum Nachmittagskaffee gedulden. Am Vomittag zog der Duft von frischgebackenem Kuchen durchs Haus, der Wunsch nach heissem Kakao wurde mit " später " beschieden, und als alle Geburtstagsgäste da waren gab es die Geschenke. Wie zu erwarten erhielt ich hauptsächlich Selbstgestricktes und -geschneidertes, einige Süssigkeiten und .....sonst nichts! Nur eine gewisse Hektik der Erwachsenen, Flüstern, unterdrückte Zornesausbrüche und schlussendlich das Auftauchen meiner Eltern zusammen mit beiden Grosselternpaaren deutete auf eine Wendung hin.

Ich wurde von den Eltern in die Mitte genommen, der Zug setzte sich in Richtung Werkstatt in Bewegung, Treppe hoch, Tür auf und dort stand, tiefblau lackiert aber ohne Räder ein ( holzgefertigtes ) Mercedes - Cabrio - Tretauto. " Das ist deins", liess sich Papa vernehmen " aber nicht anfassen, die Farbe ist noch nicht ganz trocken und ausserdem müssen wir noch warten, bis besseres Wetter ist." Na toll, jetzt war ich Autobesitzer, der erste und einzige der Familie!!

Zwei Wochen später war es dann soweit, die erste Fahrt im nur leicht geschotterten Hof, der gottseidank etwas abschüssig war. Frohgemut fuhr ich los, kam auf Touren, der Gartenzaun nahte, ich lenkte nach rechts, das Autochen machte eine Kurve nach LINKS und knallte gegen das Scheunentor. Grosses Geschrei, Vorwürfe von wegen " du musst richtig lenken", nächste Fahrt mit dem gleichen Ergebnis. Als mein Vater die dritte Fahert selbst lenkte und zum gleichen Ergebnis kam, musste er zugeben, dass die Konstruktion der Seilzuglenkung nicht ganz gelungen war.Die Lenkung wurde nicht an diesem ( Sonn ) Tag geändert, mit ein Hauptgrund war wohl mein Hinweis, wie man das Seil fü+hren musste um die Lenkung richtig zu gestalten. Erst als der Dorfschmied, der die Achsen und auch die Lenkung gefertigt hatte den Fehler korrigierte war das Fahrzeug betriebsbereit.

Da bei uns im Dorf die Strassen auch nicht geteert waren, die Höfe gepflastert und mein Gefährt auch viel zu schwer habe ich es sehr selten nutzen können, hauptsächlich stand es im Weg rum und wurde von anderen Kindern bestaunt. Dass ich um den Besitz dieses Gefährtes glühend beneidet wurde hat meinen Ärger über die fehlende Nutzung nur unwesentlich mindern können.

Als ich grösser war habe ich nur mit dem Fahrwerk, auf das Wesentliche beschränkt, soweit ich mich erinnern kann, ziemlich viel Unfug gemacht während die abmontierte Karosserie als überdimensionaler Blumenkübel benutzt wurde.


 

Der Osterbesuch

Es ist immer wieder das Gleiche. Man blättert in den alten Fotoalben, sieht ein, zwei Bilder, lehnt sich zurück, schließt die Augen und schon beginnt ein Film abzulaufen. In diesem Falle sind es Bilder von Weihnachten 1952 und März 1953 die ursächlich zusammenhängen, sitze ich doch auf dem Weihnachtsbild mit kurzen Hosen da.

Der Grund: Im Bauernhaushalt, in dem man mit Lebensmitteln mehr als gut versorgt war, musste man auf technische Geräten die nicht unbedingt nötig waren verzichten. Zu diesen Geräten zählte ganz klar der Fotoapparat, und so kam es, dass das Weihnachtsbild in Zusammenhang mit einem Familienbild im März aufgenommen wurde. Mein Onkel Wilhelm, seit Weihnachten stolzer Besitzer einer Kamera, war zu Besuch da und es wurden Aufnahmen gemacht.

Meine Schwester hatte eine Puppenstube bekommen mit der sie mangels Kinderzimmer und der besseren Aufsicht wegen nur in der sonst verschlossenen " Guten Stube " spielen durfte. Dort verblieb auch bis zum Fototermin mein Hauptgeschenk, ein Tretroller aus Holz, der heutzutage keine Chance gehabt hätte, ein TÜV-Prüfzeichen zu bekommen. Zu Recht, wie ich zu meinem Leidwesen erfahren musste, denn die Stürze, verbunden mit aufgeschürften Knien und Händen waren kaum zu zählen - war die defekte Bremse repariert hängte sich das Scharnier der Lenkung aus oder ein Rad blieb auf der Strecke.

Aus diesem Grund war der Aufbau des Geschenktisches ohne viel Aufwand zu rekonstruieren. Es war sogar ein Geschenk mehr als zu Weihnachten da, denn nach einem Riesenzirkus meiner Schwester, die auch einen Roller haben wollte, hatte mein Vater einen solchen selbst gebaut, mit dem Ergebnis, dass der selbstgebaute zwar schwerer, dafür aber deutlich weniger störanfällig war als meiner.

So sitzen wir also hinter dem Gabentisch, Opa in der Mitte, links und rechts uns Kinder haltend, vor uns die Geschenke und starren alle - nicht in die Kamera, sondern nach oben, wo an einem Deckenbalken befestigt ein ein metallbeschichteter Papierstreifen hell aufflackernd für ausreichende Beleuchtung sorgte. Da ich schon die kurze ( besser gesagt, mittellange ) Anzughose anhabe, mit den gleichen Kniestrümpfen und Schuhen wie auf dem nächsten Bild ist die zeitliche Nähe der beiden Bilder nachzuvollziehen. Da stehen unsere Eltern und wir Kinder vor der Gartenmauer, Mutter im Sommerkleid, Vater im kurzärmligen Hemd, Schwester im Kleidchen und ich, mir völlig verkleidet vorkommend, im Anzug mit Fliege, soweit noch so gut, aber mit Hose bis zu den Knien und großkarierten Socken, zwei Zentimeter unterhalb der Hose endend.

Und genau mit dieser Aufmachung sollte ich zu Ostern mit meinen Grosseltern einen Verwandtenbesuch bei meiner Patentante machen, da half all mein Bitten um eine etwas legerere Kleidung nichts, war doch mit dieser Aufmachung ein in Aussicht gestellter Spielnachmittag mit meinem im gleichen Ort wohnenden gleichalten Großcousin von Anfang an zum Scheitern verurteilt, hätte doch ein Grasfleck oder, noch schlimmer, ein Riss am Anzug zu Riesenschelte oder Schlimmerem geführt.

So wurde sich also am Ostersonntag in der Frühe auf die Reise in den etwa zehn Kilometer entfernten Wohnort meiner Tante begeben, eine, bei fast sommerlichen Temperaturen, schweißtreibende Angelegenheit, mussten wir doch zuerst einen Fußmarsch von fast drei Kilometern bewältigen um im Nachbarort zum Bahnhof zu kommen, Opa und ich jeweils im Anzug, Oma mit einer " Handtasche ", die locker die Dimension einer heutigen Reisetasche hatte. Dann ging es im Dampfzug ( Lokomotive mit zwei Wagen dritter Klasse, Holzsitze , teilweise an der Längsseite, Kanonenofen, zugig, klappernd ) über zwei Ortschaften zum Ziel.

Im Zug griff ich, wie schon auf dem Fußmarsch, prüfend nach meinen dort deponierten Ostereiern, die sorgfältig auf " Eierweitwurftauglichkeit " ausgesucht waren, das heißt sie mussten möglichst kompakt rund sein. Der Schreck durchzuckte mich wie ein Blitzschlag als ich in irgendetwas Nasses griff und die Hand nach dem Rausziehen gelb verfärbt war. Nach der lautstarken Schelte, ( die obligatorische Backpfeife blieb mir wohl wegen der Zuschauer erspart ) wurde mit Hilfe von Taschentüchern der Größenordnung eines geviertelten Bettlakens die Hand, die noch ganzen Eier und - sehr wichtig - das Tascheninnere gesäubert. Mit einem aus den unergründlichen Tiefen der Handtasche hervorgezauberten Löffel durfte ich die Eierreste essen, wobei meine Oma mit Blick auf die Schale, besser gesagt auf das Färbmittel, die Feststellung traf: " Da hat s `Friedche awwer die Eier zu wenig gekocht. "

Dass der Ostersonntag für mich dann doch noch zu einem guten Ende führte hatte ich meiner Tante zu verdanken, denn nachdem meine Oma ihr wortreich mein Missgeschick schilderte meinet sie nur: " Mutter, da kann doch der Bub nichts dafür wenn s `Friedche zu blöd is Ostereier richtig zu koche, das konnt die früher noch net, das hätt ihr doch wisse müsse und die Eier raussortieren müsse. " Nach diesen Worten wurde das Kleidungsstück nochmals von ihr gesäubert und irgendwoher hatte sie auch eine andere Hose hergezaubert.Nach Mittagessen war dann Eierweitwerfen mit Grosscousin und Freunden angesagt, wobei natürlich bei den " Rekordversuchen " ein Ei möglichst weit zu werfen ohne dass es zerbrach eine gehörige Menge Eier dies nicht überstanden und an Ort und Stelle verzehrt wurden. Wieder zurück bei der Familie hiess es Kaffeetrinken mit drei Sorten Kuchen um kurz darauf wieder Richtung Bahnhof aufzubrechen. Ja, " brechen " , dagegen hatte ich auf dem gesamten Heimweg, der sich natürlich in umgekehrter Reihenfolge wie der Hinweg abspielte, zu kämpfen, das letzte Stück Fussweg hatte mich aber wieder soweit gesunden lassen, dass das Abendbrot mir wieder mundete, sogar ein Brot mit Ei habe ich noch gegessen.

Es ist übrigens bei diesem einen Osterbesuch geblieben, da man festgestellt hatte, dass ich nicht unbedingt der ideale Spielgefährte für meine drei Jahre jüngere Cousine war. Aus diesem Grund hatte meine zwei Jahre jüngere Schwester ab dem folgenden Jahr das Vergnügen, mit Oma und Opa zusammen zum Osterbesuch zu fahren. Und dass " Gote Minna " meine Patentante war, war sowieso unerheblich, sie wurde zeitlebens auch so von meiner Schwester tituliert, während die Schwester meiner Mutter, von mir korrekterweise Tante Else angesprochen, zwar ihre Patentante war aber auch bein ihr bis zum heutigen Tag " Tante Else " ist.

In den folgenden Jahren habe ich die Osternachmittage wieder im ritterlichen Wettkampf um die Ehre des " Eierweitwurfmeisters " im Kreise der gleichaltrigen Nachbarsbuben aus unserer Gasse,( im Volksmund " die Ecke " genannt, und somit waren wir, sechs an der Zahl, die " Eckebuwwe") verbracht.

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