Der Traum ist aus: Selma Meerbaum
Es ist vorbei Die helle Zeit, Die Lachen uns gelehrt. Sie ging entzwei, Zwiespalt gedeiht – Wenn auch die Welt sich wehrt.
„Lied“, 30. Juni 1941.
Heute vor 76 Jahren, am 16. Dezember 1942, starb Selma Meerbaum – oder auch: Selma Meerbaum-Eisinger – im Zwangsarbeitslager Michailowka im Gouvernement Transnistrien; so hieß zwischen 1941 bis 1944 die Verwaltungseinheit eines von Rumänien besetzten Gebietes zwischen den Flüssen Dnister und Bug, das zuvor zur Sowjetunion gehört hatte. Sie war eine Cousine zweiten Grades von Paul Celan – die Väter der Mütter waren Brüder. Zusammen mit Paul Celan und Rose Ausländer gehört sie zum „literarischen Dreigestirn“ von Czernowitz, wie Jürgen Serke im Vorwort der Neuauflage ihres Gedichtbands im Jahr 2005 schrieb. Auf dem Foto sieht man sie (rechts) und ihre Freundin Else Schächter beim Spaziergang in der Stadt im Mai 1940. Auf dem Bild ist Selma 15 Jahre alt.
Heute warst du mir ein Schmerz. Häuser waren da, so weiß verschneit, alle in des Winters Kleid. Ein Akkord in tiefer Terz war in unsrer Schritte Klang. Bahnsirenen heulten lang ... Heute war es wunderschön. Schön wie tiefverschneite Höh'n, eingetaucht im Abendglutenring.
Heute tatest du mir weh. Heute sagtest du mir: geh! Und ich – ging.
„Lied“, 25. Dezember 1939.
Schon früh begann sie mit der Lektüre jener Autoren, die großen Einfluss auf ihr eigenes Werk ausüben sollten: Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Klabund, Paul Verlaine und Rabindranath Tagore. Eigene Gedichte sind von Selma Meerbaum ab 1939 erhalten. Sie übersetzte auch aus dem Französischen, Rumänischen und Jiddischen. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in das 1940 von Rumänien an die Sowjetunion abgetretene Czernowitz im Juli 1941 wurden Selma, ihre Mutter und ihr Stiefvater Leo Eisinger im Oktober 1941 gezwungen, im Getto der Stadt zu leben.
Ich bin die Nacht. Meine Schleier sind viel weicher als der weiße Tod. Ich nehme jedes heiße Weh mit in mein kühles, schwarzes Boot.
„Ich bin die Nacht“, 6. Mai 1941.
Die Familie blieb bis Juni 1942 von der Deportation verschont. Mit der letzten „Aushebung“ am 28. Juni wurde auch Selma mit Familie und Verwandten in das Übergangslager Cariera de Piatra, in Transnistrien, verschafft. Selma versuchte zu fliehen, wurde als Jüdin erkannt und brach sich bei der Verfolgung ein Bein. Im Zuge eines erschöpfenden Marschs wurde sie in das Zwangsarbeiterlager Michailowska östlich des Bugs deportiert – ein von Deutschen besetztes Gebiet der Ukrainischen Sowjetrepublik –, wo die Deutschen und die Ukrainer die Gefangenen gnadenlos terrorisierten und verhungern ließen. Die Häftlinge dort wurden gezwungen, Steine für den Straßenbau für die Durchgangsstraße IV zu hacken. Selma starb achtzehnjährig entkräftet an Typhus. „Ich halte nicht mehr durch, jetzt breche ich zusammen“, heißt es im letzten Brief, den sie in ihrem Leben schrieb – er ging an ihre Freundin Renée Abramovici. Sie beendete ihn mit den Worten: „Küße, Chasak, Selma.“ Chasak ist Hebräisch und heißt: „Sei stark.“ Ihre Leiche wurde in einem Massengrab verscharrt.
Hör doch die Schüsse dort in der Nacht – ach, vielleicht ist dein Vater schon tot! Ist tot, und du siehst ihn nicht mehr, wenn er lacht, und siehst ihn nicht mehr, wenn er droht.
Sieh doch das Grauen dort in dem Wald – vielleicht stirbt dein Vater jetzt! Vielleicht bist du eine Waise bald, und sein Körper ist bald zerfetzt … Zerfetzt seine Lippen, zerfetzt sein Haar, zerfetzt seine Hände auch – und das alles schon nach einem Jahr, und Glück ist verwandelt in Rauch …
„Wiegenlied“, Januar 1941.
Ihrer Freundin gelang die Flucht. Zu Fuß, mit dem Pferdewagen, auf Dächern von Personenzügen schlug sie sich quer durch Europa; durch Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, durch Österreich und Deutschland, nach Paris. 1948 erreichte sie auf dem Schiffsweg Palästina, in ihrem Rucksack trug sie Selmas handgeschriebenen Gedichtband „Blütenlese“. Das Werk Selma Merbaums umfasst 57 Gedichte, die sie auf Einzelseiten geschrieben und zu einem Album gebunden hatte. Sie schrieb in deutscher Sprache. Die Texte sind von einer melancholischen Grundstimmung geprägt. „Schau, es ist Frühling. Doch ist er blind, er weint ja immerfort“, heißt es etwa in dem Gedicht „Rote Nelken“, und: „Ich bin noch hier. Der Traum ist aus. Ich bin allein – wie roter Wein, so kocht mein heißes Blut.“
Arnold Daghani (1909-1985): Der Tod von Selma Meerbaum-Eisinger, Lager Bershad, 1943. Bleistift auf Papier (Sammlung des Kunstmuseums von Yad Vashem, Jerusalem).
Ein 1968 in der DDR erschienenes Buch sorgte für die Entdeckung von Selmas Gedichten. Der Herausgeber hatte durch Zufall zwei ihrer Gedichte in Bukarest gefunden. Eines druckte er ab, ohne zu ahnen, was er damit in Bewegung brachte. Jürgen Serke berichtet: „Deutsch, die Sprache der Mörder, war lange Zeit in Israel eine tabuisierte Sprache. An eine Veröffentlichung der deutschen Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger war vorerst in Israel nicht zu denken. Von Bukarest gelangt 1968 ein Gedicht Selma Meerbaum-Eisingers nach Ostberlin in die von Heinz Seydel herausgegebene Anthologie ‚Welch Wort in die Kälte gerufen‘. Israel Chalfen, der Autor einer Biographie über Paul Celans Jugend, berichtet: ‚Paul Celan hat dem Abdruck seiner ‚Todesfuge‘ in diesem Band vor allem deshalb zugestimmt, um damit seiner Verwandten Selma Meerbaum ein Denkmal zu setzen.‘ In Israel liest Selma Meerbaum-Eisingers einstiger Klassenlehrer Hersch Segal das ‚Poem‘ in der DDR-Anthologie, sucht nach den Freundinnen des toten Mädchens und findet sie im Lande. Auf eigene Kosten — einen Verlag findet er nicht — druckt er 1976 sämtliche Gedichte in einer Auflage von 400 Exemplaren. Ein Privatdruck.“ Im Gedicht, das in der Anthologie „Welch Wort in die Kälte gerufen“, ein Buch mit dem Untertitel „Die Judenverfolgung des Dritten Reichs im deutschen Gedicht“, abgedruckt worden war, heißt es:
Ich möchte leben. Ich möchte lachen und Lasten heben und möchte kämpfen und lieben und hassen und möchte den Himmel mit Händen fassen und möchte frei sein und atmen und schrein. Ich will nicht sterben. Nein! Nein. Das Leben ist rot, Das Leben ist mein. Mein und dein. Mein.
Warum brüllen die Kanonen? Warum stirbt das Leben für glitzernde Kronen?
Dort ist der Mond. Er ist da. Nah. Ganz nah. Ich muß warten. Worauf? Hauf um Hauf sterben sie. Stehn nie auf. Nie und nie. Ich will leben. Bruder, du auch. Atemhauch geht von meinem und deinem Mund. Das Leben ist bunt. Du willst mich töten. Weshalb? Aus tausend Flöten weint Wald.
Der Mond ist lichtes Silber im Blau. Die Pappeln sind grau. Und Wind braust mich an. Die Straße ist hell. Dann... Sie kommen dann und würgen mich. Mich und dich tot. Das Leben ist rot, braust und lacht. Über Nacht bin ich tot.
„Poem“, 7. Juli 1941.
Im Vorwort der Erstausgabe des Gedichtbands, der im Oktober 1980 unter dem Titel „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ erschien, berichtet Jürgen Serke: „‚Welch Wort in die Kälte gerufen‘ – das ist eine Anthologie, die 1968 im Ostberliner Verlag der Nation erschien, herausgegeben von dem Schriftsteller Heinz Seydel. Vor vier Jahren entdeckte ich die Gedichtsammlung im Katalog eines Hamburger Antiquariats und kaufte sie. Ein Stempel nannte den Vorbesitzer: Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik. Ministerium für Wirtschaft und Technik. Wissenschaftliche Bibliothek. Ein weiterer Stempel mit der Aufschrift ‚Gelöscht‘ zeigte, daß das Buch wieder ausgesondert worden war. Heinz Seydel, der Herausgeber der Anthologie, glaubte, daß nur zwei Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger gerettet worden seien. Er hatte sie aus Bukarest von ehemaligen Bewohnern der Stadt Czernowitz erhalten. Im Februar dieses Jahres drückte mir die Lyrikerin Hilde Domin aus Heidelberg einen Gedichtband in die Hand, der in Israel als Privatdruck erschienen war: ‚Blütenlese‘. Die Autorin: Selma Meerbaum-Eisinger. Unter den 57 Gedichten befand sich auch das von Seydel gedruckte ‚Poem‘. Hilde Domin, nach Deutschland zurückgekehrte Emigrantin, hatte den Band von einer in den USA lebenden Cousine des Dichters Paul Celan erhalten.“
Auf der halbvergilbten Seite liegt das dünne, gelbe Blatt, liegt es traurig, zart und matt wie ein Tränenblick ins Weite. Und der Stengel ist so biegsam zart, daß man fast des dünnen Kleides harrt, das diese Gestalt bekleiden soll.
Und das Blatt ist wie ein Lied in Moll, weil es an den Herbst gemahnt, wie ein Kind, das traurig ahnt, daß es krank ist und bald sterben soll, ganz so süß und voll verhaltnem Weh. So ist auch der letzte Schnee …
„Welkes Blatt“, 1. Februar 1940.
Tragik, 23. Dezember 1941 (Yad Vashem Archiv).
Auf diesem Weg wurde das Werk der erst 18-jährigen Dichterin der Nachwelt erhalten und wieder zugänglich gemacht. Das Original, das in Israel aufbewahrt wird, besteht aus losen Blättern, zusammengehalten von einer Kordel. Auf dem Einband des Albums ist ein Blumenmuster. Einige Seiten sind leer geblieben. Das letzte Gedicht in dem Album lautet:
Das ist das Schwerste: sich verschenken und wissen, daß man überflüssig ist, sich ganz zu geben und zu denken, daß man wie Rauch ins Nichts verfließt.
Darunter steht mit rotem Stift und hastig dahingeworfenen Lettern: „Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben ...“ – Selma wurde an einem Juni-Sonntag im Jahr 1942 deportiert. Gewidmet ist Selmas Gedichtband dem ein Jahr älteren Lejser Fichman, den sie in Czernowitz kennengelernt hatte. Die Gedichte zeugen von ihrer Liebe zu ihm und von der Ahnung, dass ihre Hoffnungen sich nicht erfüllen werden. Stephan Hermlin, einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR, sprach von „erschütternden Gedichten“ und schrieb an Selmas einstigen Klassenlehrer Hersch Segal, der ihm den Privatdruck geschickt hatte: „Es ist gut zu wissen, daß es Menschen gibt, die in der Ferne und unter schwierigen Umständen dafür sorgen, daß eine schmale, kaum wahrnehmbare Spur nicht vergeht.“ Hilde Domin meinte: „Es ist eine Lyrik, die man weinend vor Aufregung liest: so rein, so schön, so hell und so bedroht.“
Es sind meine Nächte durchflochten von Träumen, die schwer sind wie müder Sand. Ich träume, es fallen von sterbenden Bäumen die Blätter in meine Hand.
Und alle diese Blätter, sie werden zu Händen, die zärteln wie rollender Sand und müd sind wie Falter, die wissen: sie enden noch eh' sie ein Sonnenstrahl fand.
„Träume“, 8. November 1941.
Am 22. Juni 1941 hatte Deutschland, gemeinsam mit Rumänien, die UdSSR angegriffen. Am 5. Juli waren rumänische Truppen in Czernowitz eingezogen und fungierten fortan als Handlanger bei der Verfolgung der Juden. Die Juden von Czernowitz hatten die Bürgerrechte verloren, mussten den gelben Judenstern tragen, Zwangsarbeit leisten. Ein Getto hatte es in der Geschichte der Stadt nie gegeben. Nun waren 60000 Menschen auf kleinstem Raum zusammengepfercht worden. Selmas Freund Lejser Fiehman musste Zwangsarbeit außerhalb der Stadt leisten. Selma sah ihn nicht mehr wieder. Er verwahrte ihren Gedichtband im Arbeitslager bis 1944, bis er ihn Selmas Freundin Else in Czernowitz übergab. Es gelang ihm noch, an Bord des Flüchtlingsschiffes „Mefkure” zu steigen. Das Schiff sank im Schwarzen Meer. Leiser starb, ohne zu wissen, dass Selma tot war.
Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, ich sehne mich nach dir. Mein heißes Sehnsuchtslied erfüllt die Welt und mich mit ihr. (…)
So tragen wir beide dasselbe Leid, ein jeder für sich allein. Mich krönt aus Tränen ein schweres Geschmeid' und dich ein Sehnsuchtsedelstein. Und der Wind singt uns beiden den ewigen Sang von Sehnen und Verzicht, doch auch wenn es dir zum Sterben bang – du rufst mich trotzdem nicht.
„Tränenhalsband“, 6. November 1941.