Opferlämmer

Werte Besucher, nicht wundern, wenn es teilweise chaotisch hergeht, ich "räume auf" und stelle ein wenig um

 

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Opferlämmer

Nebelfetzen lagen noch auf den Wiesen am Waldrand und schienen zwischen den Bäumen wie aufgehängte Wäschstücke zu schweben, als Dr. Hundt, der Jagdpächter, seinen alten Lada am Waldrand parkte, sein Gewehr ergriff und dann mit »Hund komm« seinen Hund aus dem Auto springen ließ. Er war immer wieder stolz, dass ihm der geniale Einfall gekommen war, seinen Hund nur "Hund" zu nennen.

Ein wenig schmunzeln musste er schon, als er an den gestrigen Abend im Waldhaus Laubach dachte, auch wenn ihm der Kopf bei jeder ruckartigen Bewegung schmerzte. Denn, als sich seine Frau wieder einmal in der fröhlichen Runde der Jagdkollegen erhob und mit einem kurzen »Hundt komm« Richtung Zimmer verschwand, da hatte sich nur sein Hund erhoben und war mitgetrottet, während er lautstark eine Runde bestellte - aus Trotz und um ihr klarzumachen, dass er das auf den Tod nicht ausstehen konnte, von ihr nur mit dem Nachnamen angeredet zu werden.

Nun war an Ansitz nicht mehr zu denken, er war eigentlich nur rausgefahren, um den Kopf freizubekommen. Der Hund lief eifrig schnüffelnd vorweg, während er gedankenversunken hinterherstapfte Plötzlich lautes Gebell, Hund verhielt vor einer Feldholzinsel. Als er ihm Kommando gab, weiterzusuchen ging die Schauze unter eine Laubschicht und der Hund drückte irgendein Fell nach oben. Dr. Hundt arbeitete kurz mit dem Stock nach und sah mehrere Schaffelle dort liegen, irgendwie seltsam, wer wirft Schaffelle weg, die doch Geld bringen? Es gab nur eins, Handy raus und Polizei informieren!

Wie jeden Montagmorgen brummte der Kopf ein wenig, als sich zur gleichen Zeit Oberkommissar Johan Peter Hartmann, genannt Jope, in den Corsa seiner Frau setzte, um seinen Kollegen Pedro Sanchez an dessen Wohnwagen abzuholen. Da Pedros Erstwohnsitz immer noch bei seiner Mutter in Frankfurt/Main war, hatte man neben der Maschinenhalle des Bauern Moll den Trailer, versehen mit allen Segnungen der Zivilisation aufgebockt, inklusive Anschluss an die DSL–Anlage des Bauern, gebührenfrei wie auch Strom und Wasseranschluss, da der Bauer eine Flatrate hatte und als absoluter Fußballnarr dem besten Mittelstürmer der örtlichen Fußballmannschaft natürlich nichts in Rechnung stellte!

Wie nach dem weggedrückten Anruf vor einer Viertelstunde zu erwarten, stand ein PKW neben dem Wohnwagen und bei seinem Eintreffen ging auch grade dessen Tür auf und mit einem verlegenen Lächeln huschte Katrin, die Tochter des Sportvereinsvorsitzenden Meister, zu ihrem Auto. Im nächsten Moment kam auch schon Pedro heraus und schwang sich mit einem fröhlichen: »Gemosche, scho widder die Schrottkist?«, zu Jope ins Auto.
Der meinte nur: »Du bist doch das Letzte, Siehst aus wie ein Spanier, hast einen spanischen Namen, schleppst Frauen ab ohne Ende ,awwer schwätze duus’de wie’n Frankforter.«
»Is ja gut, was kann ich dafür, dass sich mein Erzeuger nach zwoo Jahrn widder abgesetzt hat un mich mit dem spanische Name Sanchez un dem spanische Pedro nach meiner Mutter Petra zurückgelasse hat im schrägste Viertel vo Frankfort?«
»Nachher im Dienst …«
»Ja, ja, ich red dann Hochdeutsch, und ihr babbelt Owerhessisch. Ach Jope, wenn ich Dich so anseh, eins von den dreizehn Bierchen war wohl schlecht?«
So zog sich die Frotzelei eine Zeit hin, bis sie die acht Kilometer von Atzenhain nach Grünberg hinter sich gebracht hatten. Wie des öfteren sagte dann einer von ihnen kurz vor der Kreisgrenze: »Bin ja mal gespannt, wann uns wieder mal ein dienstgeiler Kollege aus Alsfeld anhält«, auf den Vorfall anspielend, als sie vor einem halben Jahr Opfer einer Fahndung nach einem roten Corsa gewesen waren und mit vorgehaltener Maschinenpistole sich einer Kontrolle inklusive Leibesvisitation unterziehen mussten, bis die Kollegen ihre Ausweise fanden und sich entschuldigten. »Nee, nee, ich hab gehört dass unsere Fotos in Originalgröße dort hängen und jeder Frischling darauf verwiesen wird!«

Zum Dienstbeginn lag nichts dringendes vor und sie wollten gerade losfahren, um die vorliegende Akten abzuarbeiten, (Befragungen ,Erkundigungen usw.) als das Telefon klingelte. Pedro hörte nur »Was, Schaffelle, drei Meter neben der Kreisgrenze, ach ja, unsere Seite, aber ist das nicht eine Sache des Veterinäramtes? – ach so, könnte Schwarzschlachtung nach Diebstahl sein? - na ja, wir kommen.«

Sie machten sich auf den Weg zur Fundstelle der Schaffelle an der Landstrasse vom Laubacher Ortsteil Altenhain nach Sellnrod. Jope informierte seinen Kumpel noch schnell, dass von dem Jagdpächter, der bzw. dessen Hund die Schaffelle aufgestöbert hatte, auch schon das Veterinäramt des Vogelsbergkreises informiert worden war. Die wollten in Absprache mit Gießen zwar über die Kreisgrenze hinweg herauskommen, die polizeilichen Ermittlungen wären aber ihre Sache!

Am Fundort waren sowohl der Jagdpächter noch, der Veterinär schon da und man besprach die Lage. »Der Fundort ist auf keinen Fall der Tatort, nach meinen Erkenntnissen wurden die Tiere professionell geschlachtet, sauber abgezogen und dann unerklärlicherweise die Felle auf diese Art entsorgt, also dreihundert Euro weggeworfen.« Der Veterinär erklärte den beiden noch wie er zu dieser Aussage kam und empfahl sich mit dem Hinweis, der Jagdpächter entsorge die Felle wenn sie nicht mehr gebraucht würden. Jope ließ sich nur noch seine Vermutung, dass es Rhöner Schwarzkopfschafe waren bestätigen, schoss einige Fotos und es ging zurück in die Dienststelle.

Auf der Rückfahrt wollte Pedro wissen, wo sein Kumpel die Kenntnisse über Schafe herhabe. »Na ja«, meinte Jope, »wie Du weißt komme ich aus Schlüchtern, der Stadt im Bergwinkel zwischen Vogelsberg, Rhön und Spessart. Da sind noch sehr viele Schafherden unterwegs, und einer meiner Schulkollegen ist Schäfer mit sechshundert Tieren. Da habe ich oft ausgeholfen und mein Taschengeld aufgebessert.«
»Und was sollte die Frage nach den Rhönschafen?«
»Dadurch ist mir bekannt, dass diese Schafe im Zug der Ausweisung der Rhön als Biosphärenreservat eigentlich nur dort gehalten werden dürfen. Und letzte Woche, als ich meine Eltern besucht habe war ich kurz bei meinem Kumpel auf dem Schafhof und habe erfahren, dass grade ein etwas alternativ gekleideter Schäfer zehn junge Rhönschafe zur Gründung einer Herde suchte und er sich in Kalbach zehn kastrierte junge Böckchen habe andrehen lassen …
Tenor: auf diesen Nachwuchs kann er lange warten! Und jetzt liegen hier zehn Felle rum, ist schon seltsam.«

»Du, die Katrin ist doch auf dem Veterinäramt in Gießen und hat mir heute Morgen erzählt, der Frido Reif, der Selbstvermarkter, hatte einen Antrag gestellt, zehn Schafe nach islamischem Recht schächten zu dürfen. Die war auf hundertachtzig, von wegen den armen Tieren bei vollem Bewusstsein die Hälse durchschneiden und war sehr zufrieden, dass ihr Chef das abgelehnt hatte. Der Grund der Ablehnung: In Brachttal gibt es eine Schlachterei, die einmal im Jahr zum islamischen Opferfest, das jetzt grade ansteht, die Berechtigung hat, Schafe auf diese Art zu schlachten.«
»Hab ich auch mal gelesen, in einem kleinen Ortsteil, da ist dann die Hölle los, alles zugeparkt, ein ständiges Kommen und Gehen. Da möchte ich nicht dabei sein. Und das haben sich auch einige Türken von hier gedacht und bei einigen Schäfern nachgefragt, das weiß ich von meinem Kumpel.«

»Mensch, der Karl Friedrich Mayer, der altachtundsechziger Aussteiger, der Karlfried, der sich die Schafwolle selbst spinnt und Socken und Pullover davon strickt, das könnte doch der Käufer der zehn Rhönschafe gewesen sein. Und der lässt doch seine Tiere bei Frido schlachten, hmmm - irgendwas ist faul im Staate Dänemark - da fahren wir jetzt mal hin!«

Bei ihrem Eintreffen ging es dort schon richtig rund. Der oberste Kreisveterinär war zur Untersuchung der geschlachteten Schafe angereist, Pedros Katrin stand frierend dabei und instruierte die beiden, dass wegen des abgelehnten Ersuchens besonders genau geschaut würde, aber alles war in Ordnung. Die Tiere waren offensichtlich mit dem Bolzenschussgerät betäubt und dann korrekt geschlachtet worden. Frido und Karlfried zerlegten schon einige der - na wie viel wohl - zehn Tiere zur Weiterverarbeitung.
Während Pedro und Katrin still entschwunden waren unterhielt sich Jope mit dem Veterinär. Der meinte nur:
»Scheint alles in Ordnung zu sein, dort hängen die zehn Schafe, ordnungsgemäß geschlachtet, im Abholbehälter zehn Heidschnuckenfelle, die Zählung bei Herrn Mayer stimmt …«
»… bis auf die Tatsache«, rief Jope, sich an die Stirn greifend, »dass da Rhönschafe hängen, aber angeblich Heidschnucken von Karlfried geschlachtet wurden, die, sauber geschächtet, in Töpfen und Pfannen von Muslimen brutzeln während man uns hier hinters Licht führen will. Ich denke, die waren schon im Beisein ihrer Käufer nach muslimischem Brauch geschlachtet, als der Antrag abgelehnt wurde.«

Die beiden Übeltäter waren sofort geständig, nach der erledigten Schreibarbeit ging es zurück zur Dienststelle, dabei Mutmaßungen austauschend, was die beiden wohl für diese Aktion vom Gericht aufgebrummt bekämen. Man war der Meinung, fünf Tausender dürfte es schon sein. »Denn«, so meinte Jope, »bei einer nicht genehmigten Schächtung habe ich von einem Strafmass von zweitausendfünfhundert Euro gehört.«

Kurz vor Dienstschluss kam ein Anruf von Jopes Frau, das angesetzte Training für die zwei Buben falle wegen einer Schulveranstaltung aus, und da Pedro als Jugendtrainer heute freihabe sei er herzlich eingeladen, Katrin sei auch da und man wäre dabei, Schmierschelkuchen zu backen, auch als "oberhessische Pizza" bekannt.
Nachdem sich alle an der oberhessischen Spezialität satt gegessen hatten und bei einem Glas Wein saßen, meinte Ulrike, Jopes Frau, scherzhaft:
»Na Katrin, dein Sohn wird nicht einen solchen Namen bekommen dass so was wie Jope oder Karlfried rauskommt?«
Katrin saß auf der Couch, beide Hände flach auf dem Bauch und meinte nur: »Nee, wird sowieso ein Mädchen!«
Während Pedro mit weit aufgerissenen Augen nur fassungslos zu ihr hinstarrte konnte sich das Ehepaar Hartmann vor Lachen kaum einkriegen …

 

Meinungen zur Geschichte? ►  http://f17267.nexusboard.de/t54f26-Opferlaemmer.html

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